Tödlicher Angriff auf den Amiet-Markt

Am Montag (19.10.) traf ein Drohnenangriff den Amiet-Markt – auch bekannt als Al-Naam – rund 10 Kilometer nördlich der Stadt Abyei, einem zwischen dem Sudan und dem Südsudan umstrittenen Gebiet. Lokale Behördenvertreter gaben an, dass bei dem Angriff mehr als 220 Menschen getötet wurden, was ihn zu einem der tödlichsten Einzelangriffe im sudanesischen Bürgerkrieg macht.

Yohana Akol Ngor, amtierender Informationsminister von Abyei, erklärte am Dienstag (20.10.) gegenüber Reuters, dass die Zahl der Todesopfer von 153 auf über 220 gestiegen sei, nachdem zwei Massengräber nahe dem Markt entdeckt worden waren – eines mit rund 153 Leichen und ein weiteres mit 73. „Die Brände brennen noch immer. Die Bergung der Leichen dauert an. Die Lage ist katastrophal“, sagte Ngor. Er fügte hinzu, dass infolge des Angriffs etwa 8.000 Menschen vertrieben worden seien.

Gegenseitige Schuldzuweisungen bezüglich Tätern und Ziel

Ngor machte die sudanesische Armee für den Angriff verantwortlich. Eine namentlich nicht genannte Quelle des sudanesischen Militärs räumte ein, dass die Armee den Angriff durchgeführt habe, und behauptete, der Markt habe den Rapid Support Forces (RSF) – einer paramilitärischen Gruppe, die die Armee seit April 2023 bekämpft – als Treibstoffnachschubbasis gedient. Drei diplomatische Quellen teilten Reuters mit, dass der Angriff ein Treibstoffdepot auf dem Markt getroffen habe, das zuvor von den RSF genutzt worden sei.

Ein Augenzeuge erklärte jedoch, er habe keine RSF-Kämpfer oder anderes uniformiertes Personal auf dem Markt gesehen – einem wichtigen Handelszentrum für Treibstoff, Nahrungsmittel, Baumaterialien und Medikamente, die vom Südsudan nach Kordofan und Darfur transportiert werden. Reuters wies darauf hin, dass die Behauptungen beider Seiten darüber, wer für den Angriff verantwortlich ist, nicht unabhängig überprüft werden konnten.

Blutige Tage im Sudan

Der Angriff in Abyei bildete den Höhepunkt einer der blutigsten Wochen des Krieges im Sudan. Am Sonntagabend (18.10.) berichtete die Beobachtergruppe Sudan War Observatory, dass Armeedrohnen den Bundesstaat West-Kordofan angegriffen hätten – mutmaßlich gestartet von der armee-kontrollierten Stadt Kadugli aus. Ein Lastwagen mit etwa 200 Trauergästen wurde bei seiner Ankunft in Al-Dabab getroffen, wobei 145 Menschen starben; fünf weitere Menschen starben, als ein Trauerzelt attackiert wurde, und etwa 150 wurden verletzt. Ein Markt in Al-Mujlad wurde ebenfalls angegriffen; die dortigen Opferzahlen sind noch unbekannt.

Am selben Montag wurden vier Kinder getötet, nachdem wiederholte Drohnenangriffe den von der sudanesischen Armee kontrollierten Flughafen von Khartum trafen. Am Freitag zuvor forderte ein Angriff auf einen Markt in Nyala – einer RSF-Hochburg – nach Angaben lokaler Helfer 23 Tote und 44 Verletzte. Zusammen mit den korrigierten Zahlen aus Abyei von mehr als 220 Toten beziffern verschiedene Quellen die Gesamtzahl der gemeldeten Opfer der jüngsten Angriffswelle auf fast 400 – allesamt noch Angaben der Konfliktparteien, die nicht unabhängig verifiziert wurden.

UNO-Verurteilung und diplomatischer Protest

Das Außenministerium des Südsudan bestellte am Montag den sudanesischen Botschafter Essam Mohamed Karrar ein, um Protest einzulegen und Khartum aufzufordern, den Abyei-Konflikt auf diplomatischem Wege beizulegen. Die Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières (MSF) teilte mit, mehr als 20 Verletzte – einige mit Brandwunden – im Ameth-Bek-Krankenhaus in Abyei-Stadt zu behandeln.

UN-Sprecher Stéphane Dujarric erklärte, die Vereinten Nationen verurteilten die Serie von Drohnenangriffen aufs Schärfste. Abyei – eine ölreiche Region, die sowohl vom Sudan als auch vom Südsudan beansprucht und seit 2011 gemeinsam mit der UN-Friedenstruppe (UNISFA) verwaltet wird – grenzt an Kordofan, das derzeit ein Hauptschauplatz der Kämpfe in einem Krieg ist, der mehr als 14 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen hat.